Im Zickzack über die Karpaten

Rumänien-Roadtrip: Das Video zum Bericht 🙂

Rumänien ist das Land, in dem wir uns bisher am längsten aufhalten. Unser Weg führte uns ab der serbischen Grenze durch die Walachei (ja, die gibt es wirklich), über die Südkarpaten nach Transilvanien und vom Donaudelta bis zur Schwarzmeerküste an der bulgarischen Grenze wo wir uns jetzt gerade befinden. 

Das Land wirkt auf uns wie ein riesiges Naturparadies das teilweise schon mal bessere Zeiten erlebt hat. Neben großen Wäldern, hohen Berge und vieieielen Stauseen sehen wir auch immer wieder verlassene Urlaubsorte (vornehmlich alte Kurorte und Skigebiete), heruntergewirtschaftete Brachflächen und ruinenartige Industriekolosse. In verlasseneren Gegenden der Karpaten kreuzen nicht selten riesige Holztransporter unseren Weg. In den kleinen Orten dagegen sind es die Ochsenkarren, Hühner, Gänse, Schafe, Ziegen oder Frösche.
In einigen Dörfern Siebenbürgens (=Transilvaniens) weht auch ein gewisses EU-Lüftchen. Um genauer zu sein wehen die EU-Fahnen am Straßenrand, denn mithilfe von Fördergeldern wurden hier einige Dörfer saniert und so scheint die vergangene Zeit der Siebenbürger-Sachsen wieder ganz präsent zu sein. Zu den recht wenigen verbliebenen „echten“ Siebenbürgern haben sich auch einige Roma niedergelassen und prägen das Dorfbild mit ihren bunten Röcken und Pferdekutschen auf ganz spezielle Art mit. 

Schönste Passstraßen, Schäferromantik und diese Sache mit den traditionellen Speisen
Sehr beeindruckt hat uns auch die Transalpin, eine Passstraße über die Karpaten, der wir von Süd nach Nord gefolgt sind. Auf dem Weg haben wir unser Lager für zwei Nächte auf einem kleinen Hügel aufgeschlagen. Obwohl wir wegen Gewitter alle paar Stunden die Sicherheit in unserem „Faradayschen Käfig“ aufsuchen mussten, haben wir es dort oben sehr genossen. Einsamkeit, Lagerfeuer, spektakuläre Sonnenuntergänge, Schäferbesuche und Hügelspaziergänge… alles dabei! Tatsächlich haben wir hier sogar mal die Boxhandschuhe, Gleitschirme und die Gitarre ausgepackt. Eine gute Zeit! 

Auf der Transalpin über die Karpaten

Im Abendgrauen führte ein Kuhhirte seine Herde über die Hügel. Unsere Versuche sich mit ihm zu unterhalten gingen aber leider etwas daneben. Hier kamen wir zu einer wichtigen neuen Erkenntnis: Google Translate ist mit äußerster Vorsicht zu gebrauchen!
Der Hirte, ein Roma, hatte einen wirklich süßen, teddybärartigen Hütehund an seiner Seite, der immer wieder nach Fliegen schnappte sodass seine Zähne aufeinander schlugen. Das klang lustig und sah auch so aus. Ich dachte mir, dass das ein guter Gesprächs-Eröffner sei. Also fragte ich auf Rumänisch (mit Google Translate übersetzt): „Isst dein Hund die Fliegen auch?“ er schaute uns entsetzt, fast angeekelt an und mied unsere Nähe ab diesem Moment merklich. Später erst verstanden wir warum. Denn tatsächlich fragte ich „Esst ihr (Roma) Hunde oder Fliegen?“. Oh man… wie unangenehm!

Auf der anderen Seite der Karpaten begrüßte uns Transilvanien mit schwülen 32°C. Ein echter Klimaschock! Ganz erstaunt darüber wie schnell sich Herr Sumsemann zur Sauna verwandeln kann, beschlossen wir ein paar Tage Urlaub zu machen. Über Airbnb buchten wir uns für einige Nächte eine kleine, wirklich schnuckelige Wohnung in der wunderschönen Altstadt von Sibiu (Hermannstadt) und genossen es uns mal nicht um Routenplanung, Toilettenentsorgung, kochen, Wasserauffüllung, Babybett aufbauen, etc. kümmern zu müssen. 

Die Stadt hat uns wirklich gut gefallen. Nicht zuletzt wohl auch weil wir pünktlich zum Streetfood-Festival dort waren und mal wieder richtige Hippster-Burger verschlingen konnten. Vor lauter Schmacht sogar gleich zwei davon am ersten Abend (jeder!). Und das obwohl uns die Lust auf Fleisch in einem kleinen Karpatendorf ein paar Tage zuvor eher genommen wurde. Dort haben wir uns nämlich für eine Nacht in einem „Spa-Hotel“ eingenistet. Beim inkludierten Frühstück entdeckte ich zwischen frischen Radieschen und Tomatenecken platziert, kleine, weiße Stangen die ich für Gemüsesticks hielt. Wir schaufelten uns beide einige auf den Teller und probierten. Nicht besonders lecker, aber auch nicht besonders ekelig. Die nette Hotelwirtin klärte Sebastian später auf, es handele sich um eine rumänische Spezialität: Schweinefett-Sticks. *würg“. Ja und seitdem sind wir äußerst vorsichtig, was unbekannte, traditionelle Speisen angeht. (Einige Tage später aßen wir Karpfeneier als Brotaufstrich. Unwissentlich! Ahhhrrggg….).

Nicht ganz leichten Herzens aber erholt und mit einem besonders gut aufgeräumten Herrn Sumsemann, ging es weiter. Unser Ziel war die Transfăgărășan. Eine weitere Passstraße über die Karpaten, die als eine der schönsten in Europa gilt. Zwar war die Straße selbst wegen der Schneemassen noch nicht befahrbar, wohl aber führte ein ziemlich rustikaler Lift ein gutes Stück hinauf. Unten hatte es an diesem Tag 35°C. Auf einem See in 2.200 m Höhe schwammen dagegen noch riesige Eisschollen und die Straße selbst war unter meterhohem Schnee begraben. Was für ein Kontrast! Und was für eine schöne Aussicht auf die Transfăgărășan, deren spektakulären Haarnadelkurven sich zwischen Schneefeldern, Wiesen und hohen Felsen entlang ins Tal hinunter schlängeln. Ihrem Ruf macht sie tatsächlich alle Ehre.

Wieder einmal angefixt von den Bergen und der Vorstellung über sie hinwegzufliegen führte uns unser Weg in Richtung eines Fluggebietes bei Brașov, wo wir am Abend ein hübsches und einsames Plätzchen am Fuße eines Berges bezogen. Unser geheimes Paradies entpuppte sich aber schon bald als kleine Hochburg denn am nächsten Morgen (es war ein Samstag) begrüßten uns ungefähr 40 rumänische Camper die uns mit ihren Autos, Familien, Tischen und Stühlen umzingelten. 

Rumänen lieben es zu campen und sie lieben die Nähe zu anderen Campern, getreu dem Motto „kommt einer, kommen alle“ :). Die Wenigsten bleiben allerdings über Nacht. Außländische Camper treffen wir übrigens immer seltener und wenn sind es meist langzeit-Reisende wie wir. Nicht selten gleich mit mehreren Kindern und dementsprechend größeren Bussen oder sogar Unimocks. 

Von echten Bären, netten Siebenbürgern und einem verrückten Schmetterling-Sammler
Das berühmte Dracula-Schloss Bran haben wir ausgelassen, sind dafür aber nocheinmal auf „Braunbären-jagd“ gegangen. Man erzählte uns, dass es in den Kapaten es so viele Bären gäbe, dass es keine Seltenheit sei sie am Abend aus dem Auto heraus zu beobachten zu können. Unsere „Jagd“ blieb bis zuletzt leider wenig erfolgreich. 

Dafür hatten wir so einige nette Menschen-Begegnungen auf unserem Roadtrip durch Rumänien. In einem kleinen Bergdorf zu dem nur eine Schotterpiste führt trafen wir zum Beispiel auf Hermann und seine Familie, die dort oben eine Pension mit kleiner Camperwiese führen. Ihn kannten wir witzigerweise schon aus einer Reisereportage. Eine echte Siebenbürger-Familie zu der auch Julian gehört. Julian saniert zusammen mit seiner Frau einen alten Hof im Tal und sie luden uns ein dort einen Kaffee-Stop bei der Weiterfahrt einzulegen. Wir folgten der Einladung und blieben über den Kaffee hinaus gleich zwei Nächte :). Nach einiger Skepsis gewöhnte sich Jola an die drei wirbelwindigen Hunde, die am liebsten ihre Füße abschleckten und wir genossen es diese beiden netten Menschen getroffen zu haben. Moni zeigte uns auch die Kirchenburg des Ortes, deren Gemeinde leider nur noch aus einer handvoll Siebenbürger besteht und erklärte uns, dass man versuche Fördergelder für die Erhaltung der uralten Burg zu gewinnen. Wir drücken die Daumen! Und Julian fixte uns an, ins Donaudelta zu fahren. Neben einer Angelinstruktion und ein paar „Delta-Blinkern“, gab er uns auch ein paar Tipps mit auf den Weg, die sich später als sehr , sehr wertvoll und richtig herausstellen sollten. 

  1. Im Delta ist es so heiß, dass ihr noch tagelang nachglüht.
  2. Steht früh auf, nutzt den Tag und geht früh ins Bett. 
  3. Den Abend und die Nacht müsst ihr unter einem Mückennetz verbringen. Wenn ihr mit der Haut das Netz berührt oder es gar verlasst, werdet ihr aufgefressen. 
  4. zum Angeln braucht ihr ein Boot.
  5. Nehmt alles mit, was ihr braucht. Dort im Delta gibt es kaum etwas.

Und so machten wir uns am Morgen von Weidenbach nach Partizani im Donaudelta auf. Es sollte die bisher längste Autofahr-Etappe werden. Nach 9 Stunden an einer kleinen Fähre angekommen, die uns zur letzten Auto-Straße im Delta bringen sollte, bemerken wir dass wir pleite waren. Kein Geld für den Campingplatz, kein Geld für eine Bootstour… Geradeeinmal das Geld für die Fähre hätten wir zusammenkratzen können. Wir erinnerten uns an Tip Nummer 5. Also: Drehen, zurück in die 30 Minuten entfernte Stadt Tulcea, Geld holen, tanken uuuund wieder zurück zur Fähre. Mist, letzte Fahrt verpasst. Dödöööm! Es war schon spät und so fuhren wir nur einige Kilometer aus dem Dorf heraus und stellten uns an einen kleinen Wirtschaftsweg am Wasser. Keine gute Idee! Um 8 machte ich noch einen Spaß daraus und filmte das Auto, das eingehüllt vom lautestem Fröschequaken dort im Niemandsland an einem ruhigen Seitensee der Donau stand. Um 9 schimpfte Sebastian über die vielen Mücken draußen, die ihm beim pinkeln zuguckten. Um halb 10 bemerkten wir, das die Menge der Mücken IM Bus (trotz Mückengitter) rapide anstieg und entschlossen uns das Mückennetz über unser Bett zu hängen. Um halb 11 (Jola schläft i.d.R. in einem kleinen, mückendichten Zelt) musste ich unseren Käfig verlassen um Jola zu beruhigen und…. wurde fast aufgefressen. Schnell trafen wir die Entscheidung, dass Jola trotz der unglaublichen Hitze bei uns unter dem Netz schlafen muss. Sie schlief gut aber wir machten fast kein Auge zu. Zu eng, vieieiel zu heiß, zu viele Mücken, zu lautes Fröschequaken… für uns beide die bisher schlimmste Nacht.

Zu unser großen Freude hatte der Campingplatz, den wir am nächsten Tag in Partizani bezogen hatten einen Pool aus dem wir uns den lieben langen Tag lang kaum rausbewegen wollten. 🙂 Und als dann alle Reserven wieder aufgetankt waren und wir vor Allem rechtzeitig alle Schotten dicht gemacht haben (dazu gehörte auch, die Mückengitter sämtlicher Fenster seitlich mit Klopapier zuzustopfen) um einigermaßen ruhige Nächte zu verbringen, konnten wir das Donaudelta schon am frühen Morgen in seiner eigentlichen Pracht genießen. Ein Boot fuhr uns in die kleinen Kanäle, durch überschwemmte Dörfer, dichte Wälder, vorbei an riesigen Bäumen, durch hohes Schilf, über schmale Straßen in riesigen Seerosenteppichen… Und wieder einmal fühlten wir uns als wären wir alleine auf dieser Welt – einzig ein paar Kanuten kreuzten unseren Weg. Gerne wären wir noch tiefer ins Delta hineingefahren um die unter Schutz stehenden Urwälder zu sehen. Aber dazu hätten wir zum Einen das Auto in Tulcea am Hafen stehen lassen müssen – was uns nur mittelmäßig vertrauenserweckend schien – und zum anderen hatte auch Jola schon so einige Mückensticke abbekommen und die Hitze setzte uns allen ordentlich zu. In der Hoffnung, dass die Mückenplage bald nachlässt, ging es nach einigen Tagen weiter Richtung Schwarzmeerküste. Am Lagunensee Lacul Racim, dem größten See Rumäniens, bezogen wir einen wunderschönen Platz am Wasser auf dessen Klippen die ziemlich überwachsenen Ruinen einer antike Festung stehen. Trotz wohltuendem Wind gab es auch hier Mücken ohne Ende. Eine Nacht wie im Delta wiederholte sich aber glücklicherweise nicht. Schließlich waren wir nun auch wahre Abdichtungs-Profis. 

Dort am See hatten wir eine weitere lustige Begegnung: wir trafen auf den selbsternannten multilingualen „Ungarn Schmätteling-Collektor“. Ein älterer, zotteliger Aussteigertyp, der in seinem verrosteten Opel neben Herrn Sumsemann parkte. Nach einem ersten Willkommensbier, das er Sebastian anbot (den Selbstgebrannten, der zur Kühlung im See lag, lehnte Sebastian dankend ab), warf er sich einen Rucksack über und stiefelte los um seine selbstgebauten Fallen aus Plastikeimern im Gestrüpp der Ruinen aufzustellen. Nachts warf er seinen Generator an und lockte die vermeintlichen Schmetterlinge mit einem weißen Laken an. Irgendwie ein asurdes Bild. Wir fühlen uns wie in einem Film über das Leben eines Forschers und Entdeckers vergangener Zeit. Er war es auch, der der Schlange die uns plötzlich im Wasser begegnete und uns dort einen ziemlichen Schrecken einjagte, hinterher lief um sie zu fangen. Am nächsten Morgen zeigte er uns mit etwas genervter Miene seinen nächtlichen Schmetterling-Fang: Zentimeterdick gestapelte Mückenleichen. Mehr nicht. Vor unserer Weiterfahrt um 9 Uhr morgens schenkte Sebastian ihm unser letztes kühles Bier, das er dankend annahm und gleich mit einem „Egeschegedre“ (?! „Prost“ auf ungarisch) in sich hineingurgelte. 

Ja und nun sind wir mitlerweile am Schwarzmeer angekommen. In Vama Veche – einem Strandort mit Hippiecharme an der Grenze zu Bulgarien. Hier glühen wir jetzt ein paar Tage nach, genießen mückenarme Nächte und kommen auch mal wieder dazu Fotos zu sortieren, kleinere Reperaturen zu machen, zu schreiben und dazu unsere weitere Route zu planen. Ob wir durch die Nord-Türkei nach Georgien fahren oder doch die Fähre von Bulgarien nehmen?! Wir sind selbst gespannt…

Das meiste was wir von Rumänien gesehen haben hat uns sehr gut gefallen. Verfolgt man unsere Route sieht man aber auch den Schwerpunkt: im Zickzack über die Karpaten. 😉 

Die Bilderauswahl war die reinste Qual aber nun ist es geschafft & ihr findet sie hier.