Tschüss Europa – Hallo Asien

Von einsamen Paradiesen und einem liebenswerten Moloch

Am Ende hat uns eine Münze die Entscheidung abgenommen und so sollte uns unser Weg nicht mit der Fähre nach Georgien, sondern einmal quer durch die Türkei führen.

Eine Menge Sonne und Hippie-charme im rumänischen Grenzort Vama Veche getankt ging es über die Grenze nach Bulgarien. Eine, aus der Satelliten-Perspektive hübsch aussehende Bucht lockte uns für einen Nachtstopp. Lerne: Von oben sehen die meisten Straßen gut aus. In Wirklichkeit erwarteten uns 10 km Holperpiste mit Furchen von locker 50 cm. Aber wir blieben ganz optimistisch. Schlimmer könne es schließlich kaum werden und zurückfahren würde nun auch keinen Sinn mehr machen. Die ungemütliche Fahrt ins Nirgendwo hat sich aber gelohnt. Eingerahmt von grünen Hügeln lag eine große Sandbucht vor uns, in der die Wellen stechend weiß im türkisenen Wasser brachen. Und das zwischen den Pauschaltourismus-Hochburgen Sonnenstrand und Goldstrand. Damit hätten wir nicht gerechnet. Wir blieben obwohl wir kaum Vorräte hatten. Das Trinkwasser ging uns schon nach dem ersten Tag aus (danach gab es abgekochten Tee), den letzten Fitzel Strom zogen wir am dritten Tag. Vielleicht ein, zwei Kilo leichter aber um 3 Muschelketten und ein paar Dreadlocks reicher, verließen wir den Platz nach 4 Nächten. Und so sollte aus dem geplanten Nachtstop einer unserer bisher längsten „wilden“ Aufenthalte werden. Und am Ende kam es, wie es kommen musste. Schließlich mussten wir dieselbe Holperpiste auch wieder zurück…

Provisorisch mit einem Spanngurt gesichert ging es weiter bis zur nächsten Werkstatt, wo uns für schlappe 20 EUR der abgerissene Auspuff repariert wurde. Unsere erste Reparatur. Bis dahin zumindest. 

Einige Tage später und kurz vor dem Grenzübergang in die Türkei zog Herr Sumsemann plötzlich nicht mehr. Nach einem ersten, missglückten Reparaturversuch an einer Tankstelle noch in Bulgarien, schleppten wir uns mit Tempo 30 über die Grenze in die Türkei. Die bulgarische Pannenhilfe wollte uns nämlich 150 km zurück in den Norden abschleppen, was nicht unserer Fahrtrichtung entsprach. Ziel ist Ziel ;). In der Türkei gibt es den ADAC und nur eine mögliche Richtung: Süden. Wir landeten mit dem Abschleppwagen immerhin auf halber Strecke nach Istanbul und mussten dort vier Tage ausharren bevor wir unseren guten alten Sumsemann wieder mitnehmen durften. Gefühlt haben sie ihn komplett auseinandergenommen, am Ende war es aber nur der Luftmengenmesser (an alle Mädchen unter uns: das ist was recht Einfaches, was auch wir mit einem guten Youtube-Tutorial hinbekämen).

Uns so war es wohl am Ende unser großes Glück, dass wir noch nicht in Georgien waren sondern uns für den Weg durch die Türkei entschieden und den rundum-sorglos Service des ADAC genießen durften. Danke an dieser Stelle an die gelben Engel!

Hoş geldiniz – Willkommenin der Türkei 

Eines haben wir schon mit Grenzübertritt in die Türkei gespürt: Hier lebt ein sehr freundliches, hilfsbereites und geduldiges Völkchen mit großem Herz für kleine, dicke Babys und flodderige Familien mit Sand zwischen den Zehen.  

Schon an der Werkstatt in Babaeski versorgte man uns mit Tee, die Arbeiter und Kunden aus den Nachbarwerkstätten kamen und jeder hatte seine kleine Geschichte zu Deutschland zu erzählen. Der Eine arbeitete vor kurzem in Nürnberg, der Andere hat einen alten Chevrolet aus Hamburg in der Garage stehen und ein Dritter wiederum hat auch einen kleinen Bus und lud mich ein, Jola darin schlafen zu legen. Ein Mitarbeiter half Sebastian einen 12V Ventilator zu finden und mit einem Kunden fuhr ich zu einem Telefonshop um eine SIM-Karte zu kaufen, der alte Rezeptionist im Hotel betonte immer wieder, was wir für eine „very nice family“ sind und Ismael, unser Abschlepp-Fahrer, riss sogar sein Duftbäumchen ab um es Jola zu schenken. Wir sind ganz berührt von soviel Freundlichkeit.

Nachdem wir wirklich Sorge hatten Herr Sumsemann zu verlieren und die Tour abbrechen zu müssen fühlten wir uns fast ein wenig wie Rabeneltern, als wir ihn im chaotischen Istanbul direkt nochmals für einige Tage auf einem Parkplatz abstellen mussten. Aber im Gewusel der engen, steilen Pflastertraßen hätte er sich auch nicht wohl gefühlt. Wir dagegen schon. 

Nach wochenlanger Stadt-Abstinenz trifft uns Istanbul hart. Wahnsinn! So enge Straßen, so viel Lärm, soooo viel Gewusel, so viele unterschiedliche Gerüche und dann noch die Moscheen die über Lautsprecher fünf mal am Tag an das Gebet erinnern. Mitten zwischen Autos, Gemüsehändlern, Luftballonverkäufern, Katzen, Mopeds, Fahrrädern, Hunden, Bettlern und Restaurantbesitzern ist der entspannteste Blick der, auf die eigenen Füße.  

Wir erkundeten Istanbul mit Jola im Tragetuch und unser Fazit: eine wirklich monsteröse aber sehr liebenswerte Stadt in der man hinter jeder Ecke etwas Neues Erstaunliches entdecken kann. Am Ufer des Bosporus, wo wir in einem quirligen Fischlokal am Hafen saßen, schweifte unser Blick auf die andere Flussseite. Ein Gänsehautmoment. Vor uns lag Asien. 

Nach 4 Tagen wieder im Bus schauten wir auf den Tacho: 6.500 km. Wir schauten in den Kalender: 109 Tage. Bisher hatten wir eine wunderbare Zeit. Abgesehen von einer Magenverstimmung, die Sebastian noch in Rumänien ein paar Tage außer Gefecht gesetzt hat und zwei kleinere Pannen ist alles wie am Schnürchen gelaufen. Toi, Toi, Toi, dass es so bleibt. 

Voller Vorfreude drehten wir das Radio auf fuhren mit Türkischer Volklore über die berühmte Bosporus Brücke. Tschüss Europa – wir werden uns in einigen Monaten wiedersehen. 

Ein paar Impressionen von diesen letzten Tagen in Europa findet ihr hier.