Bis ans Ende der türkischen Welt

TÜRKEI TEIL 3 I die östliche Schwarzmeerküste und seine grüne Lunge im Hinterland

Ungefähr auf halbem Weg nach Georgien fuhren wir das erste Mal von dem Küstenhighway am Schwarzen Meer ab. Wir hatten nämlich das Glück genau in der Erntezeit durch Bafra, das frühere Zentrum des Orienttabaks, zu fahren. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Im Augenwinkel entdeckten wir ein schlecht zu entzifferndes Werbeschild auf dem aber ganz eindeutig Gleitschirmflieger abgebildet waren. Wie ungewöhnlich – bisher haben wir keine Flieger in der Türkei gesehen und die wenigen eingetragenen Fluggebiete, die wir besuchten entpuppten sich eher als Reinfälle. 

Das ließ uns nun natürlich nicht los. Bald hielten wir an, schmissen unser Handy aus Sarajevo mit türkischer SIM-Karte an und fanden tatsächlich heraus, dass nur 30 Minuten entfernt ein mehrtägiges Gleitschirmfestival stattfinden sollte. Was für ein unglaublicher Zufall!!!

Und schwupps standen wir, umzingelt von anderen Fliegern, mitten in den Bergen. Wir trafen sogar alte Kontakte von der Mosel, die auf Einladung des örtlichen Bürgermeisters aufwändig über Istanbul und Samsun hierhergeflogen waren. Dort am Landeplatz machten wir Bekanntschaft mit Ismael, dem 68-jährigen ehemaligen türkischen Revolutionär mit Wohnsitz in der Nähe von Bonn. Ismael schmuggelte uns auf den eigentlich schon ausgebuchten Campingplatz. Die nächsten Abende verbrachten wir mit ihm und seinem türkischen Aussteigerfreund Ufuk, die beide mit eigenen Campern unterwegs waren. Sebastian ist jeden Tag viel geflogen, mir waren die Bedingungen aber leider doch etwas zu wild. Insgesamt war es eine gute Zeit und Ismael sollten wir schon bald wiedersehen…

Jedes einzeln aufgezogen – Tabakblätter hängen zum trocknen
Sebastian am Startplatz von Kapikaya

In Samsun parkten wir unseren Camper neben Ismaels blauem VW-Bus direkt an der Promenade des Schickeria-Viertels Atakum. Am Abend erzählt er uns dann seine Geschichte. Als politischer Flüchtling kam er als junger Mann nach Deutschland. Er flüchtete damals aus dem Exil – die Jahre zuvor verbüßte er eine Haftstrafe weil er sich als links-liberaler gegen die damals herrschenden politischen Verhältnisse stellte. Deutschland habe ihn anfangs sehr schockiert, sagte er. Die Menschen seien so misstrauisch. Einmal hatte er eine Panne und fuhr mit seinem Auto in ein Dorf, wo er an einem Haus klingelte um telefonieren zu dürfen. Man öffnete ihm die Tür nur durch einen Spalt, der mit einer Kette gesichert war und ließ ihn nicht herein. Dieses Ereignis habe ihn damals sehr mitgenommen. In der Türkei würde einem sofort ein Chai angeboten und alle Hebel für Hilfe in Bewegung gesetzt werden. Er hat Recht. Wir werden hier so offen und herzlich empfangen und sind selber oft zu misstrauisch. Noch oft denken wir an seine Geschichte und nehmen uns vor, gastfreundlicher und vor allem weniger misstrauisch zu sein. 

Ismael war es auch, der uns half einen Lieferanten und eine Werkstatt zu finden um Herrn Sumsemann mit Solarenergie zu versorgen. Mit andauernder Reise und immer weiterer Entfernung von campingfreundlichen Gebieten mit Stromzugang etc. wird uns die eigene Unabhängigkeit immer wichtiger. Mit Solar könnten wir die Batterien laden und mit einem Spannungswandler sogar unsere  220V-Steckdosen im Camper nutzen. Schließlich wurden die Solarpanels aus Ankara geliefert und der Umbau im 250 km entfernten Trabzon gemacht. Günstiger als in Deutschland war das Ganze allerdings nicht. Nach wochenlangem Sonnenschein von morgens bis abends mussten wir nun erst einmal fast eine Woche auf das Ausprobieren der Anlage warten denn in den Bergen erwarteten uns Neben und Regen.

Unser Fazit: Auch wenn die türkischen Handwerker von Ästhetik und Campern offensichtlich noch nie etwas gehört haben: die Anlage funktioniert und macht uns damit ab sofort noch viel freier.  

Zwei Solarpannels aus Antalya versorgen uns ab sofort mit 360 Watt

Ab Trabzon verließen wir immer häufiger den Highway, der entlang der nun immer unattraktiver werdenden Küste verläuft. Im Landesinneren lockten uns grüne Berge, nebelige Rhododendronwälder, saftig grüne Teeplantagen und erfrischende Temperaturen. Hier stieg die Zahl der arabischen Touristen erstmalig stark an. Unter den vielen vollverschleierten Frauen fühlten wir uns manchmal wie in einem anderen Land. Unseren Plan, eine mehrtägige Wanderung im wunderschönen Kackar-Gebirge zu unternehmen wurde schlussendlich leider von sehr beschaulichen Wetteraussichten zunichte gemacht und so fuhren wir bald weiter in Richtung Georgien.

Das imposante Sumela-Kloster

Kurz vor der georgischen Grenze am Schwarzen Meer entschieden wir uns dann doch noch für einen Abstecher und schlängelten uns noch ein ganzes Stück in den Süden. Nachdem wir bei Ayder im Kackckar-Gebirge quasi im tiefsten Dschungel standen, überwältigte uns bei Artvin eine nicht enden wollende karge Schluchtenwelt, die uns an Bilder aus Afghanistan und den Iran erinnerte. Es war schon recht spät als wir in eine tiefe Schlucht einfuhren und so entschieden wir uns bald ein Schlafplatz aufzusuchen. Aber hier gab es nichts. Keine Ausbuchtung, keine abzweigende Straße – nur diese enge Schlucht die so hoch war, dass wir Mühe hatten aus dem Fenster den Himmel zu entdecken. Irgendwann tat sich doch eine kleine abzweigende Schotterpiste auf. Wir fuhren ab um sie auf einen möglichen Schlafplatz zu untersuchen. Immer wieder sahen wir die Überreste von großen Steinlawinen. Sorgenvoll schauten wir nach oben – ein Steinfall und wir hätten verloren. 30 cm neben den Rädern ging es steil herunter. Es gab keine Ausweichmöglichkeit, keine Chance zu wenden, kein Handynetz, kein Dorf in Sicht und es wurde langsam dunkel. Wir blieben tapfer auf diesem Weg und erreichten nach gut 2 Stunden tatsächlich eine Zivilisation. Es war mittlerweile längst dunkel geworden. Vor uns stand ein dicker Mann der ein Gewehr auf uns richtete. Ich öffnete das Fenster auf und machte ihm so klar, dass hier eine Frau mit Baby an Bord ist, woraufhin er abzog. Erleichtert fragten wir ein paar herumstehende Männer ob wir für die Nacht irgendwo parken dürften. Schließlich zeigten sie uns den Weg zum Dorfplatz. Später tranken wir Tee im Wohnzimmer unserer Nachbarsfamilie (schwarzer Tee geht in der Türkei zu jeder Uhrzeit) – unsere Unterhaltung reduzierte sich aber auf unsere 10 Brocken Türkisch und ein paar Brocken Englisch vom Sohn der Familie. Gott sein Dank haben wir Jola! Über sie kann man immer gemeinsam lachen und wir waren erstaunt über ihre gute Laune. Schließlich war schon seit über 2 Stunden Schlafenszeit. Gutes Kind! Danke für Deinen Einsatz. Du hast uns mal wieder aus der Patsche geholfen.

Skeptisch beäugt von einigen Dorfbewohnern verzogen wir uns schließlich in den Bus. Mitten in der Nacht stehen wir senkrecht im Bett. Wir hatten wohl ausversehen direkt unter dem Lautsprecher geparkt, durch den der Muezzin auch Nachts lauthals zum Gebet aufruft und damit das ganze Dorf beschallt. Ups. Am nächsten Morgen bummelten wir durch das kleine Dorf und entdeckten den dicken Mann von unserer Ankunft.. Wieder richtete er sein Gewehr auf uns und lachte dabei völlig übertrieben. Im hellen erkannten wir sofort, dass es sich um ein Spielzeuggewehr handelte und der Mann offensichtlich geistig behindert ist. Wir begrüßen ihn freundlich und schmunzeln gemeinsam über die Situation. Das kleine Bauerndorf aus Holzhäusern lässt uns wieder an Nepal denken. Eine Frau klöppelt die Wäsche, ein Imker räuchert seine Bienen ein um die Waben zu kontrollieren, ein paar Männer schultern ihre Sensen und ziehen zu den Feldern, die alten Frauen sitzen vor den Häusern und einige laufen so gebückt, dass sie mit ihren Nasenspitzen fast den Boden berühren. Hier muss es sein: Das Ende der türkischen Welt. 

Wir kaufen noch ein wenig Honig (den besten unseres Lebens!), bekamen Gurken als Proviant und zogen weiter. Allerdings nahmen wir einen anderen, kürzeren aber nicht weniger spektakulären Weg. Dieser führte uns über eine verlassene georgische Klosterruine zurück in die Untiefen der Schlucht.

Am Ende der türkischen Welt mit Blick auf den kleinen Kaukasus

Ein paar Täler weiter und wieder im Grünen trafen wir noch einmal auf Ismael. Per SMS hatten wir einen Treffpunkt in einem kleinen Bauerndorf auf rund 2000m Höhe ausgemacht. Unsere Pläne dort fliegen zu gehen wurden zwar von der örtlichen Polizei zunichte gemacht, nichts desto trotz hatten wir mal wieder ein paar richtig schöne Tage mit Onkel-Ismael, den Jola tatsächlich freudestrahlend wiedererkannte. Er zeigte uns die Gegend, erklärte uns viel und forderte die Gastfreundschaft der Bauern das ein- oder andere Mal heraus. Dort probierten wir auch getrocknete Maulbeerenfladen, selbstgemachten Maulbeerensirup, Naturkaugummi aus Baumharz, wir entdeckten Bärenspuren, pflückten immer wieder leckere­­­ kleine Äpfel, sammelten Brombeeren, wurden von Ameisen in den Hintern gebissen und tranken den ein- oder anderen Chai. Eine schöne und lange Zeit in der Türkei sollte nun zu Ende gehen denn nur ein Hochplateau weiter konnten wir schon auf den Kaukasus blicken. Georgien, wir kommen!

Unsere Lieblingsbilder findet ihr hier in der Gallerie.