Welcome to Iran

Mehr als nur Wüste, Kamele und Teppiche

(Obacht: Überlänge!)

Eine Millionen Iran-Eindrücke in knapp 25 Minuten Bewegbild

Ein Monat Iran liegt hinter uns und nun wissen wir gar nicht wo wir anfangen sollen… wir haben unzählige Geschichten in unseren Köpfen, etliche Kilometer hinter uns und gefühlt eine Millionen schöner Fotos auf der Festplatte.  

Jola macht im Iran erste Stehversuche

Fangen wir einfach vorne an: Noch in Armenien konnten wir kaum erwarten in den Iran einzureisen und wider Erwarten nahm das chaotische Grenzprozedere nur eine gute Stunde in Anspruch. Einer der Grenzbeamten schien fast ein bisschen frustriert als wir seine Fragen ob wir Waffen, Drogen, Alkohol, Schweinefleisch oder Sexspielzeug mitführen mit nein beantworteten. Schließlich seien wir daran schuld, dass er keine Provision bekäme ;).

Nun lagen 30 Tage Alkoholverbot für uns und 30 Tage Ganzkörperbedeckung für mich (Mirka) vor uns. Denn im Iran muss sich eine Frau in der Öffentlichkeit tatsächlich vom Fußknöchel bis zum Handgelenk verschleiern. Jegliche Genussmittel wie Alkohol sind im ganzen Land strengstens verboten.

Unsere erste Nacht verbrachten wir an einer Autobahnraststätte und stellten fest, dass wir an diesem einen Tag im Iran so viele Kilometer gefahren waren wie in Armenien in einer ganzen Woche. Den Straßen sei Dank! An besagter Raststätte angekommen merkten wir bald was mit der besonders großen Gastfreundschaft der Iraner gemeint war, von der uns Reisende erzählt hatten. Wir wurden mit Suppe, Nüssen, Keksen, Gurken und Tomaten regelrecht überschüttet und mit einem freundlichen „Hello, how are you? Where are you from? Ok, thank you!“ bombardiert. Oft auch einfach in einem zusammenhängenden Satz (Hello-how-are-you-where-are-you-from-ok-thank-you) ohne unsere Antworten abzuwarten. 

Einmal Volltanken für 6 Euro bitte

So gut die Straßen im Iran waren, so chaotisch war unsere Einfahrt nach Tabriz am folgenden Tag. Autos fuhren kreuz und quer, Ampeln wurden ignoriert. Auch auf der linken Spur wurde angehalten um jemanden einzusammeln oder rauszulassen. Geparkt wurde im Zweifel auch in dritter Reihe, so dass aus einer dreispurigen Hauptstraße eine Einspurige mit mehreren km Stau wurde. Fahrzeugbeleuchtungen stimmten Weihnachtsfreude in uns an. Die Rückfahrleuchte und Bremsleuchte konnten alle Farben und Stroboskopfrequenzen annehmen – oder auch keine. Kreisverkehre wurden entgegen der Fahrtrichtung befahren wenn die Ausfahrt damit näher lag… Zustände die wir aus zentralasiatischen Städten zwar kennen, nie aber selbst Teil dieser Verkehrschaos waren. Hier steckten wir nun mittendrin mit einem Auto größer als jedes iranische Modell aus Staatsproduktion.

Eins stand also schon mit Beginn unserer Iranreise fest und wurde auch später täglich bestätigt: Die Iraner führen die Liste der wahnsinnigsten, skrupellosesten und ignorantesten Fahrer unserer Reise HAUSHOCH an. Um abzubiegen stellte sich Sebastian einfach mitten auf die Kreuzung und fuhr langsam los: „Die Iraner werden es schon richten“ waren seine Standartworte im Iran. Und so taten sie. Jetzt wo wir zurück in der Türkei sind, tut er sich fast etwas schwer diesen Irani-drive-style abzulegen. 

Was uns hier in der Türkei auch schwerfällt ist der Blick auf die Tankuhr. Denn auch wenn es im Iran manchmal nervig und vor allem zeitintensiv war an den rationierten Diesel heranzukommen und wir immer mindestens den doppelten Preis zahlen mussten: Ein randvoller Tank hat uns nie mehr als 6 Euro gekostet. Der reguläre Literpreis lag bei 3 Eurocent. Und das sei schon Wucher. Vor drei Jahre solle es gerade einmal ein Zehntel gekostet haben. Unglaublich, oder?

Welcome to Iran

In Tabriz fanden wir ein kleines Hostel und quartierten uns für ein paar Nächte dort ein. Hier war es auch wo wir das erste Mal das Gefühl hatten ins alte Persien einzutauchen. In den schmalen Gängen des alten, zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Basars beobachteten wir Teppichhändler und -knüpfer, rochen die vielen Gewürze die in Pyramidenform die Gänge säumten, beobachteten Männer die große Karren hinter sich her zogen, Mopeds die im Slalom um andere Basarbesucher herumfuhren, Frauen die in ihren langen schwarzen Gewändern von Shop zu Shop huschten und Chaiverkäufer die den dampfenden Tee in kleine Pappbecher füllten.  Auf den persischen Basaren hat jedes Gewerk und jedes Handelsgut seinen eigenen Gang. So geht es von der Wolle-Straße wo die bunt gefärbte Wolle auch gesponnen wird, zu den laut klopfenden Kupfer-Bazaris, über Küchenutensilien zur Obst- und Gemüseabteilung.

Aber auch außerhalb dieses urigen Basars fühlen wir uns in der orientalischen Welt angekommen. Einer Welt voller Gewusel, kleiner Shops, herumhängender Kabelgewirre, tiefer Abflussrinnen, todesmutiger Straßenüberquerungen und herumstreunender Katzen… Eine Welt in der einfach jeder sein kleines Business hat, Nachmittags alle ein Nickerchen machen und jeder mit jedem ein fröhliches Schwätzchen halten kann. Ob vom Familienvater, von den Bazaris, vom Geschäftsmann in Anzug oder vom gebückt laufenden Opa: in Tabriz wurde uns alle paar Meter ein freundliches „Welcome to my country, welcome to Iran“ zugerufen. Und so fühlten wir uns nun auch: Welcome to Iran!

Überraschung am Kaspischen Meer

Google Maps macht klar wie groß der Kontrast ist

Nach Tabriz fuhren wir weit in den Osten in Richtung Kaspisches Meer. Man sagte uns, dort läge der Dschungel. Wir erwarteten ehrlicher Weise nicht viel was an einen echten Dschungel erinnern sollte. Schließlich war der Iran Sinnbild für Wüste, Steppe und Felsschluchten. Wir fuhren über das Elbrus-Gebirge und hatten die Serpentinen-Straße komplett für uns alleine. Hier sah es genauso aus, wie wir es uns vorgestellt hatten: Ewige Felslandschaften, tiefe Schluchten, karge Hügel. Doch kaum waren wir über den Pass gefahren wurde es grün und grüner und noch grüner. Unfassbar! Zwei Fahrtage östlich vom trockenen, kargen Tabriz standen wir bei 35°C und höchster Luftfeuchtigkeit inmitten einer saftig grünen Hügellandschaft voller Reisterrassen, Bananenstauden und bunt blühender Bäume. Hier überraschte uns der Iran das erste Mal so richtig. Mit einem Dschungel in dem Wüstenland hatten wir wirklich nicht gerechnet.  Wir besuchten ein paar Touri-Highlights, die sich als Hotspots für reisende iranische Familien herausstellten, trafen aus purem Zufall Mohajer (den Hostelbesitzer aus Tabriz) mit seiner Familie am kaspischen Meer wieder und Jola kam in den Genuss ihrer ersten Fahrradtour. 

1001-Nacht-Feeling in Isfahan

Über die schöne Kleinstadt Qazvin führten uns die gut ausgebauten Highways nach Isfahan, wo wir später noch ein zweites Mal landen sollten.  

Da das Hostel in dem wir unterkommen wollten ausgebucht war schickte uns einer der Mitarbeiter auf den privaten Parkplatz seiner Tante, der zu unserer Freude mitten im autofreien Zentrum Isfahans, direkt an der gewaltigen „blauen Moschee“ lag. Wir waren wirklich mitten drin, tranken mit seiner Tante und Cousine noch einen Chai und verbrachten eine einzigartige und vor allem extrem ruhige Nacht. Die nächsten Nächte wechselten wir dann in das hübsche Hostel in dessen Innenhof wir viele Traveller trafen, leckeren Cappuccino und Wassermelonensaft schlürften und ich endlich mal mein Kopftuch ausziehen konnte. Gleich am ersten Tag nutzen wir die Gelegenheit und nahmen an einer kostenfreien Stadttour mit Hamed aus dem Hostel teil. Mit ihm schlenderten wir durch die riesige Moschee, durch Paläste, über den weltweit größten Stadtplatz „Naqsh-e Jahan“ und durch einen angrenzenden Handwerker-Bazar. Obwohl Isfahan die drittgrößte Stadt im Iran ist war es doch erstaunlich wenig hektisch. Und ein ganz besonderes Erlebnis gab es auch:

Der verbotene Blick – In Kriechhaltung auf das Minarett 

Bei der Stadtführung fragte Hamed in die Runde, ob jemand interessiert sei auf das Minarett der Shah-Mosche zu klettern. Er kenne Leute, die es für ein ordentliches Bakschisch (Trinkgeld) möglich machen. Sebastian zögerte nicht lange denn so eine Gelegenheit würde er sicher nie wieder bekommen. Auf ein Minarett zu klettern und womöglich auch noch Fotos von oben zu machen ist im Iran strengstens verboten. Schließlich könne man dort Einblick in die Privatsphäre der „versteckten“ Frauen erhalten. 

Vor einer hüfthohen Tür wartete Sebastian mit Hamed und einem schweizer Touristen auf einen unbeobachteten Augenblick um hindurch zu schlüpfen. Dann krochen sie einen steilen Turm herauf. Von dort ging es auf allen Vieren über ein Dach – immer mit der Sorge entdeckt zu werden. Oben angekommen telefonierte Hamed immer wieder im Flüsterton mit seiner Kollegin am Boden um sicher zu gehen, dass sie nicht entdeckt wurden. Da waren sie: Auf dem Minarett der bekannten riesengroßen blauen Moschee Isfahans. Unglaublich!

Blick von dem Minarett der blauen Moschee in Isfahan

Einige Tage später erzählte uns Hamed, dass sie doch von den Wachmännern entdeckt wurden und er nun sehr vorsichtig sein müsse. Gelohnt hat es sich aber trotzdem Bro`! Übrigens hat er es zu verantworten, dass Sebastian in einem kleinen Salon eine russische Klopperfrisur geschnitzt wurde – Vielleicht seine kleine geheime Rache J

In Isfahan gab es auch noch etwas zu erledigen. Wir brauchten dringend eine Autoversicherung und so waren wir froh, dass Hamed uns an seinem freien Tag half eine zu finden. Bei einer Kaffeepause berichtete er uns von seiner Einstellung zum Iran, zu Irans vermeintlicher Religion und über seine Vergangenheit. Obwohl wir die einzigen Gäste in dem Kaffee waren flüsterte er so leise, dass wir uns weit über den Tisch beugen mussten um ihn zu verstehen. Die Augen und Ohren des iranischen Geheimdienstes seien überall sagte er, und würden sie mitbekommen wie er redet und was er ausspricht, käme er sicher ins Gefängnis. Er ist Gegner der Iranischen Republik. Doch seine Frau möchte den Iran nicht verlassen. Für sein Kind (3 Jahre), das habe er sich geschworen, will er aber mindestens einen langen Auslandaufenthalt ermöglichen. Denn ohne zu wissen wie die Welt draußen ist, könne man nicht erkennen, dass der Iran zu einem Gefängnis und seine Bürger zu Sklaven der Religion gemacht wurden. Er hat Recht. 

Es waren spannende Gespräche mit Hamed und es blieben bis zuletzt die einzigen in diese Richtung. Es gab uns schon nachzudenken, dass das Wort „Meinungsfreiheit“ hier unbekannt ist doch haben wir auch das Gefühl, dass sich die meisten Iraner erstaunlich fröhlich mit ihrem Schicksal arrangieren. Alkohol wird privat destilliert, die Frauen rauchen in den Innenhöfen der Hostels, einen VPN-Tunnel mit dem sich die gesperrten Internetseiten öffnen lassen hat tatsächlich jeder auf dem Handy, das Kopftuch bedeckt oft (zumindest in den Städten) gerade noch den Zopf, die meisten Moscheen sind sogar Freitag (Irans Sonntag) fast leer.

Liest man aber das dort geltende Gesetz ist man schockiert. Frauen werden beispielsweise bei ihren Männern im Reisepass eingetragen und sind nur durch ihn in der Lage zu reisen, geheiratet werden darf mit 13, ein Mann darf seine Frau zum Sex zwingen, bei einem Seitensprung droht die öffentliche Steinigung, Peitschenhiebe sind nach wie vor eine gängige Bestrafung und das Blutgeld einer Frau ist nur halb so hoch wie das eines Mannes.… Aber mit diesen Dingen werden wir als Touristen nicht konfrontiert. Wohl auch, weil den Iranern sehr wichtig zu sein scheint, dass wir ein gutes Bild von ihnen und ihrem Land haben. Die zweithäufigste Frage (nach „Hello-how-are-you-where-are-you-from-ok-thank-you”) ist „Compared to other countries what do you think about Iran?“. Viele sind traurig über die herrschenden Vorurteile und bekommen fast Tränen in den Augen, wenn wir ihnen die positiven Seiten vom Iran vorschwärmen.

 

Stille

Die nächste Etappe führte uns in die Wüste Dasht-e Kavir im Zentraliran. Selbst in den angrenzenden Wüstenstädten werden es im Sommer über 65°C. Nun war es Herbst und trotzdem noch über 40°C. Erstaunlicher Weise war die Hitze aber lange nicht so unerträglich wie damals im Donaudelta oder auch am kaspischen Meer. Hier war es zwar heiß, geschwitzt haben wir aber nicht. Wie trocken die Luft war fiel mir auf, als ich einen Obstsalat zubereitete und die geschnittene Banane auf einem Brettchen vergaß. Nach ein paar Minuten war sie nicht braun, wie man es kannte, sondern vertrocknet. Wir hatten Bananenchips. Dieses einfache Rezept funktioniert wohl nur in der Wüste. 😉

Hinter einem letzten Dorf, kurz bevor die Sanddünen anfingen, blieben wir gleich ein paar Nächte und genossen die Einsamkeit. An den Nachmittagen spazierten wir in die Dünen hinein, schauten uns den Sonnenuntergang vor der endlos scheinenden Sandlandschaft an, freuten uns über Kamelspuren, die wir im Sand entdeckten und hörten die Stille. 

Eine Stille, die wir beide bisher nicht kannten. Es war so still, dass man sich wie in einem Film fühlte, bei dem man den Ton ausgemacht hat. Nicht einmal unsere Schritte über den Sand machten Geräusche. Es gab keinen Wind, kein entferntes Rauschen, keinen Vogel, kein Strauch, keine Fliege. Nichts. Diese Stille fühlte sich so einzigartig an, dass sie uns sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Unsere Weiterreise in die Wüstenstadt Yazd führte uns durch die kleine Oase Garmeh, wo im Schatten der Dattelpalmen tatsächlich Obst- und Gemüsegärten lagen. Und das hier mitten in der Sandwüste. An der Oasenquelle nächtigten wir und ich hüpfte am Morgen in leichter Bekleidung in das kleine, fischreiche Becken. Ich freute mich über den gewissen Thrill den mir diese verbotene Aktion gab – was sich etwas pubertär anfühlte –, war aber auch froh, dass mich niemand erwischte. 

Ein Hostel und ein Café im Ort deuteten darauf hin, dass hier häufiger mal Touristen vorbeischauen. Heute schienen wir aber die Einzigen zu sein. Nach unserem Anruf öffnete das Café trotzdem und wir genossen einen der schönsten Abende im Iran. Auch wenn der Weg durch die dunklen Palmengärten zwischen der abgelegenen Quelle und dem Café etwas (ich fand ziemlich) gruselig war. Der große Innenhof des Cafés war mit Sitzpolstern, Feuerstellen und schönen Steinen dekoriert. Und der Besitzer schien ein Multitalent zu sein. Er bereitete hervorragende Kamel-Frikadellen mit riesigen Oliven und Safranreis für uns zu, hatte eine beachtliche Steinsammlung (ich habe nach meinem Opa nie wieder jemanden kennengelernt, der mit soviel Seele Steine sammelt) und führte uns am Ende sogar mit einer Flachtrommel eigene Gedichte vor. Er erzählte uns, dass er in diesem Ort geboren sei, mit seinen Eltern aber in Teheran aufwuchs. Vor fünf Jahren überredete er sie wieder zurück nach Garmeh zu gehen. Und so gingen sie. Nun haben sie weniger sind aber zufriedener. Eine inspirierende Begegnung und wir versprachen möglichst vielen von der Oase Garmeh und seinem netten Café zu erzählen.   

Yazd – Stadt der Windtürme

Jede Stadt die wir im Iran besuchten war beeindruckend anders. Nach dem geschäftigen Tabriz, dem hübschen Qazvin und dem gewaltigen Isfahan wirkte Yazd nun wie eine Wüsten-Märchenstadt. Lehmhaus an Lehmhaus, dazwischen schmale schattige Gassen und zwischendurch ein paar Plätze, Moscheen und Wasserspeicher. Von einer Dachterrasse eröffnete sich der Blick auf die vielen Windtürme. Diese Türme fangen den Wind ein und leiten ihn in das Haus darunter. Oft wird der Wind dabei über ein Wasserbecken geleitet – eine Art Öko-Klimanlage. Genial! 

Wind, Sonne und Sand scheinen in Yazd die einzigen drei möglichen Wetterlagen zu sein. In einen Sandsturm gerieten wir auch fast als wir einen kleinen Ausflug an den Stadtrand machten um ein bisschen Gleitschirm fliegen zu gehen. Sebastian packte seinen Schirm aus und war in Begriff an einer Sanddüne zu starten, als der Horizont immer dunkelgelber wurde. Das musste ein Sandsturm sein. Wir flüchteten und kratzten kurz vor den Stadttoren nur noch die Ausläufer des Sturms, der aber auch hier noch eine Menge Sand über die Straßen peitschte. Glück gehabt! 

Wie in allen Städten nahmen wir uns auch in Yazd eine kleine gemütliche Unterkunft, genossen es am Abend essen zu gehen und schlenderten über den Basar. Wirklich eine hübsche Stadt mit einem ganz besonderem, urtümlichem Wüstencharme. An den Lehmhäusern hingen noch die Metallringe um die Kamele der großen Karawanen daran festzubinden. Immer wieder führten alte Treppen in den Untergrund, wo sich die Wasserreservoirs der Wüstenstadt befinden. Fast jeden Abend schafften wir es wir auf irgendeine Dachterrasse und konnten eine einzigartige, fast spirituelle Stimmung genießen: Im warmen Licht der untergehenden Sonne strahlten die vielen Windtürme über der Lehmstadt, ein paar bunte Glaskuppeln schimmerten in den dunkler werdenden Himmel hinein und die Imame (Vorbeter) fingen an ihre Stimmen über die Stadt zu legen… Engländer würden an dieser Stelle ein übertriebenes „Emääääääyyyyzing“ ausstoßen. 😉 

Der südlichste Punkt unserer Reise

Nach ein paar schönen Tagen in Yazd, einer kleinen Autoreparatur (ein stromleitendes Kabel lag an der Fahrzeugkarosse an, hatte dadurch die Isolierung aufgescheuert und verschmorte Dichtmassen und Dämmmaterialien im Motorraum. Nach mehrtägiger Suche wo der penetrante Gestank herkommt und 4 Werkstattbesuchen fanden wir den Übeltäter) und einer Menge neuer Eindrücke entschieden wir uns dazu nicht weiter in den Süden zu fahren, sondern uns langsam auf den Weg Richtung Türkei zu machen. Yazd sollte damit also der südlichste Punkt unserer Reise werden. Da mussten wir erst einmal schlucken. 

Alles was wir jetzt fahren würden nennt sich Rückweg. Jedenfalls wenn man es genau nimmt. Aber da wir im Iran waren und die auch alles nicht so genau nehmen, schafften wir es darüber hinwegzusehen. An Rückweg wollen wir Vollblut-Landstreicher jedenfalls noch nicht denken. 

In Kashan, einer Stadt gut 200 Km nördlich von Isfahan entschieden wir uns noch einmal zurück in unsere Lieblingsstadt zu fahren. Schließlich stand mein Geburtstag an und Souvenirs wollten wir auch noch shoppen. Für beides schien Isfahan der perfekte Ort. Vorher allerdings genossen wir das wunderschöne Kashan – was gleich zu unserer zweiten Lieblingsstadt im Iran avancierte.

Zum Geburtstag gab es übrigens neben vielen anderen Überraschungen auch eine Massage. Ein iranisches Pärchen hatte sich auf eine Russisch-Kalifornische Massage spezialisiert. Ich kannte beide Arten nicht, hatte aber spontan etwas Sorge vor dem russischen Teil. Und tatsächlich musste ich die ein oder andere Aktion abbrechen, genoss den Rest aber in vollen Zügen und wurde im Anschluss noch mit Luftballons, Chai und Geburtstagskuchen (inkl. Kerzenauspusten) im Massagesalon überrascht. Das hatten die beiden wohl selbstständig organisiert. Wie lieb! 

Den Abend bekam Jola ihr erstes Fieber. Hui, da waren wir ganz schön aufgeregt. Gleich wurde die Kindermedizin-Lektüre aus dem Auto geholt und die erfahreneren Mütter (Omas) informiert. Nach 2 Tagen ging es ihr aber schon wieder besser und wir konnten uns auf den Weg nach Norden machen. Lange hätten wir auch nicht trödeln dürfen denn unser Visum lief bald ab.

Unter Schock in die Türkei 

Mit ein paar Zwischenstopps erreichten wir Tabriz, von wo aus es nur wenige Autostunden zur türkischen Grenze sind. Einen Tag vor der geplanten Ausreise fuhren wir mit Mohajer (dem Hostelbesitzer aus Tabriz, den wir am kaspischen Meer wiedergetroffen hatten und der zufällig auch Gleitschirmflieger ist), zu einem Fluggebiet nahe der Grenze. Dort dann erlebten wir einen großen Schock. Sebastian und Mohajer starteten ihre Flüge und ich wartete mit Jola und Herrn Sumsemann oben auf dem Berg. Sie würden hochtrampen wenn sie gelandet sind, hieß es. Nachdem das Funkgerät nicht funktionierte versuchte ich Sebastian irgendwann anzurufen. Lange ging der Anruf nicht durch. Doch dann ging er ran. Er keuchte, atmete furchtbar schwer und stöhnte immer wieder etwas wie „komm“ ins Telefon. Mir war sofort klar, dass er abgestürzt sein musste und nun in irgendeiner Felsspalte um sein Leben rang. Fast eine Stunde ging ich durch die Hölle, fand niemanden der helfen wollte, erreichte lange keine Ambulanz, bretterte mit Sumsemann und Jola über die Feldpisten in der Hoffnung einen Punkt zu finden von dem ich gut dorthin schauen könne wo ich ihn vermutete, schrie die Feldarbeiter zusammen, fuhr Herrn Sumsemann im Feld fest, erreichte immer wieder Sebastian der weiter stöhnte aber auf meine Fragen was er sehe, ob er seine Tochter weinen höre etc. nicht reagierte… die Hölle. 

Als die Ambulanz gerade ankam, ich einen Helikopter orderte und wie eine Jecke mit dem Erste Hilfe Kasten aus dem Auto und Jola im Tragetuch einen Hügel hinaufrannte, klingelte mein Telefon. Es war Sebastian.

Er fragte mich ganz locker, wo ich sei und dass sie mich überall suchten. Er und Mohajer waren wieder am Startplatz. Dort wo wir uns eigentlich treffen wollten. Ich war fassungslos. Die Ambulanz schrieb in ihrem Bericht über eine psychisch labile, hysterische junge Mutter. Sie dachten ich spinne und lächelten über meine Geschichte.

Später fanden wir heraus, dass kein Einziger meiner Anrufe bei Sebastian gelandet war und als ich ihn noch einmal anrief (nun stand er aber neben mir), ging die gleiche Stimme ran. Offensichtlich wurden meine Anrufe von einer Art Bandansage abgefangen. Wahnsinn! 

Nach einer schlaflosen Nacht auf dem Parkplatz der Ambulanz verließen wir am Folgetag den Iran nach 30 Tagen (solange galt unser Visum). Und abgesehen von diesem letzten Erlebnis hatten wir im Iran eine gute Zeit. Eine sehr gute Zeit sogar. 

Der Iran hat uns überrascht. Zum einen das Ausmaß: Trotz über 4.000 zurückgelegter Kilometer sind wir gerade einmal bis zur Landesmitte vorgedrungen. Dann seine Landschaften: Wer hätte bitte mit Regenwald im Iran gerechnet?! Und nicht zuletzt seine Bewohner: Das herzlichste Volk dem wir bisher begegnet sind. Selten haben wir uns so sicher gefühlt wie dort. Jedem den wir treffen erzählen wir davon und vielleicht begeistert sich auch von euch der Ein- oder Andere für eine Reise in den Iran. Ein Land das sehr viel mehr zu bieten hat als Wüste, Kamele und Teppiche.   

So und zu guter Letzt geht es hier entlang zur Iran-Galerie und ein Video folgt auch noch… irgendwann. 🙂